postmortem lividity

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Frances Ha (2012)

(Source: fashion-and-film, via e-babe)

Hammerhead: Kleine Bandhistorie 1994-1998

(Erschienen 2008 als Dreingabe für die Nachpressung des weißen Albums)

Nachdem von 1989 bis 1994 für Hammerhead alles optimal verlief (Europatournee, eine LP und mehrere Singles und EPs veröffentlicht, Redaktionsliebling des einzigen relevanten Fanzines), ging es nun darum, den Karren in den Dreck zu fahren und mit dem Arsch das einzureißen, was mit diesen kleinen Händen geschaffen wurde.

Hier die Kurzanleitung für dich und deine Scheißband:
Die einzelnen Bandmitglieder sollten möglichst weit auseinander ziehen und sich als Hobby ein Alkoholproblem zulegen, den Proberaum verlieren, sich mit dem Plattenlabel überwerfen, zu Konzertveranstaltern frech sein und sich bei Gigs immer so abschießen, dass man selber und kein anderer die Songs mehr (er)kennt. So geschehen bei Hammerhead ab 1995.

Ranen und Nbert wohnten in Düsseldorf, Tobi in Bonn, Daniel in Neuwied und Osche im Ford Fiesta. „Tja“, denkt man, den Shellatlas present habend „das sind doch keine Distanzen, die A3 ist das Band, das verbindet.“ Na und? Wo hätte man denn proben sollen? Am Rastplatz „Tilsit“ vielleicht?

Immerhin übten wir sporadisch in Düsseldorf, im Raum der durch Osche verbandelten Neometalband „Intricate“, die gerade beim Semimajor „Century Media“ unterzeichnet hatten und auf dem Weg waren, eine richtig große Rockband zu werden. Deren Sänger Peter lief mit einem Dauergrinsen fünfgebend durch die Gegend, und übte schon mal vor dem Spiegel eine zeitsparende Autogrammunterschrift. Wenige Monate später war der Spuk dann auch vorbei, ihr Album verkaufte sich leider nicht besser als warmes alkoholfreies Bier bei einem Skinheadkonzert. Außerdem waren auch sie schnell bei professionellen Konzertveranstaltern geächtet, als sich herumsprach, dass sie als Vorband von „Body-Count“ in der Kölner „Live-Music-Hall“ anstatt vorgesehener 20 Minuten ganze 22 Minuten gespielt hatten und damit den Ablauf des kompletten Abendprogramms über den Haufen warfen. So etwas ist unprofessionell und wird in einem so harten Business zu recht nicht toleriert. Mit etwas Glück findet man die Intricate-CD heute noch auf den Wühltischen von Ein-Euro-Import/Export-Geschäften.

Wir bliesen lieber in zu Jugendhäusern umgewidmeten Russenbaracken im Fläming zum Angriff, oder „gaben“ in vollgekachelten Gemeindezentren im Fränkischen oder in der Nähe von Neumünster ein „Konzert“. Dort war von Runningorders selbstverständlich nie die Rede und wenn nach gefühlten 200 lokalen Schrottbands, so gegen halb vier morgens, wir zum Zuge kamen, störte es meines Wissens keinen, wenn der Schlagzeuger den Takt nicht halten konnte, der Sänger krächzte, dass es kaum auszuhalten war und die Gitarristen auch nur Scheiße spielten; wir waren eben Genies auf unsrer Weise. Der Genuss von mehreren Flaschen „Jagdstolz“ und ungezählten Haschisch-Eimern seitens der Band konnte dem aufgeschlossenen Zuhörer ein ganz spezielles Erlebnis verschaffen, wie z. B. Hollidays on Ice, nur anders.

Dank unserer unglaublich guten ersten LP und dem fast schon obszön zu nennenden Abgefeiere im ZAP, spielten wir praktisch jedes Wochenende.
An die Verhandlungen kann ich mich nicht mehr erinnern, es wird dem Ergebnis nach zu urteilen aber nur über das „Wo“ und „Wann“ gesprochen worden sein, was dann dazu führte, dass entweder irgendwelche Fernwehnamensinnhaber wie „Enrico“ aus der Zone oder „Fabians“ vom Bodensee anriefen und sich als Konzertveranstalter versuchten. Die Reihenhausbuben hatten, was die Gage angeht, oft Vorstellungen, die sich an ihrem monatlichen Taschengeld orientierten und entgegneten, wenn man statt 80 zumindest 150 Mark bei 100 Zuschauern forderte meist, dass sie mit ihrer eigenen Band ja auch gespielt hätten und auch nur 50 Mark bekämen, Hardcore doch eine Lebensphilosophie sei und überhaupt. Die typische Mischung aus Geiz, Idealismus und Blödheit, die jungen Männern ja so gut steht.

Im Osten war die Sache anders. Findige Hausbesetzer waren in vor allem kleineren Städten dahinter gekommen, wie man an Piepen der verschiedensten Fördertöpfe der EU gelangt. Daher gab es dort nicht selten Queenkonzert- taugliche PA´s (die selbstverständlich keiner bedienen konnte), in selbstverwalteten Jugendzentren, die hochgesicherten Trutzburgen gegen die mit Rechtsradikalen angefüllte Umgebung glichen. Mit allem Schnickschnack ausgerüstet wie Muckibuden, Druckereien, turnhallengroßen Backstageräumen und funktionierenden Klos. Als Weimar Europäische Kulturhauptstadt wurde, wusste sich der Häuptling des besetzten Hauses in der Gerberstraße nicht anders zu helfen, die von der Stadt zur Verfügung gestellten Mittel zur Ansehnlichmachung des runtergekommenen Hauses zu verballern, als seiner Freundin einen Konzertflügel in die Punkbutze zu stellen. Alle Wände waren gedämmt, das Dach wurde neu gedeckt, jedes Graffiti mit Blattgold und Intarsienarbeiten verziert. Zu trinken gab es aber trotzdem nur Ost- Apfelkorn und „Sterni“, was dem Ganzen dann wieder ein menschliches Antlitz verlieh. Dort war man dann auch nicht so kleinkariert in finanziellen Dingen.

In anderen Landstrichen des Ostens dagegen lehnte man wohl die dreckige Staatsknete ab und versuchte autonom über die Runden zu kommen. Nicht selten organisierten diese Finanzgenies dann Solikonzerte für sich selbst, mit mindestens 7 Bands, von denen 3 eine Anreise von 500 Kilometern oder mehr haben mussten. Um nicht als Großkapitalist dazustehen, nahm man 3 Mark Eintritt, Hunde zahlten nichts, was die umliegenden Tierheime für ihre Wandertage auszunützen schienen und die Pulle Bier wurde unter Einkaufspreis verkauft. Was da dann hängen blieb, kann dir der Moneycoach gerne an seiner Flipchart erläutern.

So unterschiedlich wie die Lokationen und die Gagen, waren auch die Veranstalter und das Publikum. Die „Bennys“ aus dem den westdeutschen Mittelzentren schienen oft als Krönung ihrer Punkerlaufbahn ausgerechnet ein Hammerhead Konzert veranstalten zu müssen. Dass das so einfach geht, hatten sie sich wohl nicht gedacht und plötzlich war die Band tatsächlich da und wollte Bier und was zu Essen. Das konnte ja nun wirklich keiner ahnen! So gab es in Damme zum Beispiel erst nach hartnäckigem Insestieren einen 10 Liter Eimer Krautsalat und ein Stangenbrot für die Band, auf Besteck wurde verzichtet, so dass man mit der Hand direkt aus dem Eimer fressen musste. In einem namenlosen pfälzischen Kaff zeigte sich das Veranstalterbübchen sehr verstört, als wir nach dem Gig nach den Pennplätzen fragten. Also das hätte er nun nicht gedacht, dass er sich auch noch darum kümmern müsse. Gnädigerweise durften wir dann doch mit ins Reihenhaus am Wendehammer, in der gottverlassenen Phereperie dieses Nestes. Dort wies er uns an, in der Waschküche auf rohem Estrich zwischen Vatters Unterhosen, Gartengerät und handtellergroßen Kellerspinnen zu schlafen. Er kiffte sich derweil mit seinen Kumpeln im verpunkten und gut geheizten Jugendzimmer die Hucke voll. Nach ein bisschen Herumgeschreie bezogen wir in seinem Zimmer Quartier, zum Dank pisste unser Frontmann in alle Schuhe, die im Flur standen.

Ja ja, wird nun mancher von euch denken und sich verzückt schmatzend zurücklehnen, um sich an seine Zeit zu erinnern, als er mit seiner eigener Schrottband auf großer Fahrt war. Bevor du jetzt im Furor des geliehnen Hochgefühls anfängst, an der Myspace- Seite deiner Band von vor 12 Jahren zu arbeiten, Bilder hochlädst auf denen man nichts erkennt, außer Bernd Bohrmann hinten links oder auch noch „total geile“ Proberaumaufnahmen- lass es!

Wir waren immer harsch aber selten ungerecht in unserem Urteil über andere Bands. Grob gesprochen gab es drei Einteilungen:

1.: Die netten Ostler die so was wie Crust machten. Die Musik war manchmal so, manchmal aber eher so. Die Typen waren trotz der Texte, die Atomkrieg befürworteten, postnatale Abtreibung bis zum vierzigsten Lebensjahr forderten und Sterilisation zur Pflicht machen wollten, in der Regel herzensgute Punker mit Spaß in den Backen und ansonsten alles fest im Griff.

2.: Die fleischköpfigen Prolls waren da schon abstoßender. Sie schwärmten für Heavy Metal mit Sprechgesang und Bands die aussahen wie SS- Männer in Turnhosen. Selber versuchten sie mit zu Weihnachten geschenktem Metalequipment und junggesellenhaftem Verhalten auf der Bühne was zu reißen- Vergeblich. Bei den Rapparts stakten die meist dicklichen Sänger wie ihre Mütter bei einer Wattwanderung hilflos auf und ab. „Ganz schön New York mäßig, ey“
Die Kolpingjugend wäre eigentlich ihr Ding gewesen, dort war es wohl zu streng und katholisch und sie fanden in einer Szene, in der alles geht und nichts muss, Aufnahme.

3.: Leptosome Kabelarme die mitten im Soziologiestudium oder so steckten. Dort konfrontiert, mit jeder Menge Wörtern, die auf – fication und –mus endeten und Schreckliches bedeuteten. Konnte es denn sein, dass Fleischverzicht und Tapetrading die Welt nicht besserte? Kapitalismus auch ohne Bowlerhut und Zigarre immer und überall sein zerstörerischer Werk tut? Der Erwerb von Downcast EPs im Grunde dasselbe ist, wie das Spekulieren mit Krauss- Maffei Aktien? Außerdem kam man sich langsam blöd vor, in Shorts zur Uni zu gehen. Das alles war scheinbar nur dadurch zu bewältigen, dass man sich in Opakleidung auf zu niedrigen Bühnen herumwälzte, spitze Schreie ausstieß, während die Mitmusiker dem Publikum den Rücken zugewendet, aneinander vorbei, schlecht Slayer- Riffs nachspielten.
Zwischen den Stücken nahm man sich die Zeit um Texterklärung zu betreiben und den Mischer zu bitten, ein bisschen weniger Hall auf den linken Monitor zu legen.

Von den aufgedunsenden Weckmannpunkern aus dem Bergischen soll hier nicht die Rede sein; Da gab es außer sporadischen sexuellen Kontakten kaum Berührungspunkte.

Uns wurde nicht nur „Asozialität“ vorgeworfen, vermehrt unterstellte man uns auch noch Arroganz was ja nun völlig aus der Luft gegriffen war.

Überall beliebt war damals auch der Mob, der sich um Hammerhead herum bildete.
Es war wie die „Broken-Window-Theorie“ besagt: Ist an einem Gebäude ein Fenster kaputt, sind bald alle eingeschlagen, Müll kommt dazu, Obdachlose ziehen ein, die Nachbarn ziehen weg, Nutten ziehen zu, der Stadtteil stirbt, steckt andere an, das Ergebnis: Völlige Verwahrlosung!

Bei Konzerten liefen wir anstatt zu fünft meistens zu fünfzehnt auf. Das waren meist halbstarke VW-Passat-Punks und deren Spiesgesellen. Das Phänomen, dass wir jahrelang in Passats zu Konzerten anreisten inspirierte Tobias sogar zu einem Texttitel „Hinten im Passat“. Leider blieb es bei den spärlichen Zeilen, die hier nicht unterschlagen werden sollen:

„Hinten im Passat
erst hart, dann malade, hinten im Passat.“

Da hätte was draus werden können, wenn ihm noch so ein paar Kracher eingefallen wären, sind ihm aber nicht. Diese geradezu legendäre Schreibblockade zog sich wie ein roter Ausfluss durch seine gesamte Schaffensperiode. Textanfänge und Fragmente waren immer reichlich vorhanden, auch zugegebenermaßen langatmige Poeme für deren Vertonung eigentlich nur Richard Wagner in Frage gekommen wäre; für unsere Art aufwühlender Rockmusik waren diese Epen aber ungeeignet.

Diese Schwippkumpels und Asbachbekanntschaften mussten eigentlich nur „dat“, „wat“ und „seeeeehr“ sagen können in, um oder bei Neuwied wohnen ein Kettenportmonee sowie Fellkragenweste tragen. Durst hatten sie von alleine und Spaß an der Gewalt auch. Für diese Mitreisenden war so ein Ausflug natürlich eine verlockende Sache: Freibier, Krach und im Anschluss eine Schlägerei. Was wünscht sich ein im Mittelrheintal gefangener, karriereresistenter und frustrierter Jungmann, dem das „Dreams“ in Koblenz nichts mehr zu bieten hat, mehr?

Mit so einem Haufen fuhren wir mal nach Frankfurt um die „Au“ zu rocken. Bei der 12. Pinkelpause auf einem Parkplatz an der A 61 in Nahenähe provozierte ein frecher Kleinwagen durch seine bloße Existenz uns Passatpassagiere. Da auf die Schnelle keine Zeugen auszumachen waren, schlug einer mit einem Baseballschläger, den er zufällig zur Hand hatte, die Heckscheibe ein, um an eine Steige Limonade zu gelangen, die dort gelagert war. „Jetzt isset auch egal“ dachte man sich und schon fielen 15 Trottel mit Keulen, Knüppeln und Klappmessern über das Autochen her. Als es dann wirklich nichts mehr kaputtzuschlagen gab, wurde die Karre zum guten Schluss noch aufs Dach gelegt und wir fuhren, das gute Gefühl uns körperlich etwas geleistet zu haben, zur nächsten Raste; das Bier war alle. Der Gedanke, dass der Fahrer nur mal kurz zum scheißen ins Gebüsch gehuscht war und von dort aus zusehen musste, wie wir sein Auto zu Klump schlugen, beschämte uns ein bisschen. Es kann aber sein, dass der Halter des Wagens ein Nationalsozialist oder zumindest ein Antisemit war, denn im Kennzeichen war bestimmt eine 88, 18, oder was die Nazizahlenkabalistik sonst so hergibt, versteckt.

Ansonsten waren wir seinerzeit nicht sonderlich kreativ. Im engen Rahmen unserer Möglichkeiten spielten wir unsere eine Platte hoch und runter, so dass uns die Songs bereits aus den Ohren herausquollen. Eine neue Scheibe war nicht in Sicht. Wie denn auch? Kein Proberaum, keine neuen Songs und kein Label, das uns haben wollte. Alles Scheiße, alles Mist. Eines Tages auf einem Konzert saugten uns dann zwei Jugendliche an. Einer im Parka und der Andere mit einer mit Pflaster geflickten Brille: „Wann kommt eigentlich endlich mal ne neue Platte?“ Herablassend, wie es gerade noch unsere Situation zuließ, schilderten wir das Dilemma in dem wir uns befanden. Darauf boten sie uns an, wenn wir denn irgendwann mal genügend Stücke zusammenhätten, ein Label zu gründen und unsere Platte herauszubringen. Das war natürlich für uns komplett ausgeschlossen. Was bildeten sich diese beiden Kinder, die sich „Nagel“ und „Wiesmann“ nannten, eigentlich ein? „Lieber keine Platte, als eine von denen rausgebracht“, war unsere Maßgabe. Wir waren wer und hatten einen Ruf zu verlieren, wir hatten mit Profis gearbeitet, Gummisofas, Lederbäume und Mischer mit Altrockerschweinattitüde waren das Mindeste was wir im Studio erwarteten. So wie die beiden aussahen, musste man befürchten im Wendland bei fiesen Endlagergegnern in der Scheune zwischen alten Transpis und historischen Landmaschinen aufnehmen zu müssen, von einer Mutter der beiden hingefahren zu werden und im Auto nicht rauchen zu dürfen. Dann lieber in 5 Jahren mit pastellfarbendem Sakko und 4 Kinnen im Fernsehgarten auftreten oder Transferleistungen beziehen! Die beiden Jungspunde wurden verlacht, ausgebuht und links liegen gelassen. Von da an tauchten die Beiden immer und immer wieder auf und blieben hartnäckig wie Bartflechte und Herpes untenrum. Sie machten Konzerte mit uns u.a. in der Münsterländischen Metropole Rheine und bemühten sich wirklich redlich um uns. Dort versuchte Nagel uns durch demonstratives Punkverhalten zu beeindrucken. Nach einem grandiosen Auftritt bei dem es an nichts fehlte, Schlägereien, Sänger in Frauenklamotten, „Hard Times“ als Zugabe, pisste Nagel morgens im Jugendzentrum in dem wir auch die Nacht verbringen mussten ins Spülbecken der Biertheke und beklagte mit aufgesetzter Punkstimme seinen verkaterten Zustand. Auch dieser Auftritt änderte nicht unsere ablehnende Haltung.

Irgendwann hatten wir auch wieder einen Proberaum in Bonn. Die legendären „Pissed but Sexy“ hatten Mitleid mit uns, da wir live mittlerweile fast noch schlechter waren, als sie selber und ließen uns einmal in der Woche in Ihren 6 Quadratmeter großen Keller. Um 21 Uhr musste aber Schluss sein, sonst stellte die 93- jährige Rentnerin, der das Jugendstilhaus in der Südstadt gehörte, den Strom aus.

Es war um 1997, die letzte Platte war drei Jahre alt, langsam hatten wir mit unserem Set jedes Scheißkaff abgespielt und Konzertangebote kamen nur noch aus dem Grenzgebiet zu Polen.

War der Arsch ab?

Vier neue Songs hatten wir immerhin mittlerweile. Die Erfahrung zeigte, dass das Stücke machen eigentlich von da an recht flott geht, wenn man konkrete Releasepläne hat. Uns fehlte aber immer noch das Label. Den stündlich anrufenden Nagel und Wiesmann gestatteten wir nun immerhin, noch mal unsere vergriffene erste LP aufzulegen. Da vergibt man sich nix. Außerdem konnte man mal beobachten, wie die so was machen und ob die überhaupt mal 2000 Mark zusammenkriegen. Offensichtlich bekamen die beiden einen Kredit bei ihrer Oma und das fluppte.

Für eine neue Veröffentlichung wollten wir aber doch ein richtiges Label- nur welches? Wir waren eigentlich immer gewohnt, dass solche Leute auf uns zukamen, aber in den letzten Jahren war der einzige, der auf uns zukam der GEZ-Mann, oder Faschos, die als Anschlagsziel unseren Bandbus entdeckt hatten. Aus der Hardcoreszene kam für uns eigentlich kein Label mehr in Frage, denen waren wir mittlerweile zu „asozial“, was immer das auch heißen mochte. Für den Punk-Bereich wiederum waren wir zu hardcorig, und so gar nicht „up to date“. Es waren gerade so Punk´n´Roll Clones wie „Celophane-Suckers“ modern, Bands also, die rückwärtsgewandt alten Rockscheiß lau aufkochten und sowieso schon mit allem abgeschlossen hatten, bis auf ihre Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann im Zweifelsfall.

Wir fragten also bei jemanden an, der sich wohl vor gar nichts zu ekeln schien- also auch hoffentlich nicht vor uns- so war unser Gedanke: Bei Rüdiger Thomas von „Teenage-Rebel-Records“. Jemand, der „Die Kassierer“ und „Die Lokalmatadore“ herausbringt kann ja ein so schlechter Mensch nicht sein und Humor wird er ja auch haben. Zwar täuschten wir uns mit diesen beiden Annahmen, aber so ganz ohne Interesse war dieser stoische Phlegmat offenbar nicht. Er tastete dann auch ganz gewissenhaft nach, ging mal zu einem Konzert von uns und besuchte uns im Proberaum. Wie auch immer- der Plattenkrämer sagte OK, aber nur auf CD, „Vinyl ist mir zu teuer“. Na super! Als Hardcorepuristen sahen wir CDs eher als lästige Randerscheinung der Musikindustrie. Da ist es ja geiler eine Kassette zu veröffentlichen.

Da kamen uns die beiden Jugendlichen in den Sinn, die mittlerweile wohl immerhin so viel von dem Rerelease der ersten LP verscherbelt haben mussten, dass sie eigentlich ein paar Moneten auf der hohen Kante haben sollten. Die Oma war mittlerweile auch verstorben, so dass von daher keine Rückzahlung zu befürchten war. Scheiß auf die Ehre. Sollen die Jungs doch die Platte machen und der Rüdi die CD, dann ist die Kuh endlich vom Eis. Gesagt- getan, so sollte es sein. Im Nachhinein ist dieses herablassende Geschwätz über Wisi und Nagel natürlich historisch richtig, aber alles andere als angebracht. Mit ihrem naiven Gespür haben sie möglicherweise den Fortbestand der Band ermöglicht und sich selber einen Jugendwunsch erfüllt. Oi!

Von da an machten wir auch tatsächlich ein paar Songs im Verschlag unter der Greisin. Wir emanzipierten uns von dem musikalischen Hardcorekorsett, sprengten die Ketten, die uns bis dahin niedergehalten hatten, besiegten den Dämon und probten halt einfach mal wieder. Die Lieder waren wahrhaftig Hammerhead. Endlich lief es wieder.

Wir konnten also einen Studiotermin vereinbaren. Doch wo? Bei den Labels nachgefragt, bekamen wir die erfreuliche Mitteilung, dass nur etwas mehr Geld als gar nichts für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt werden konnte. Die Zeiten, mit den Sofagummis und Lederbäumen im Studio, waren unwiederbringlich vorbei. Glücklicherweise hatte da einer der beiden jungen Leute von unserem „Plattenlabel“ einen Tipp: Er hatte mit seiner Band namens „Muff Potter“ vor kurzem seine erste Platte in Bremen bei einem „Kusche“ aufgenommen. Gekostet hatte das n´Appel und n´Ei, hörte sich aber gar nicht so schrottig an. Dort könne man auch alles zusammen live einspielen, was die ganze Sache natürlich noch verbilligen sollte. Da wir im Bezug auf Kompromisse schließen mittlerweile schon Routine hatten, sollte das unser Studio sein. Wir zwangen noch einen Hammerhead-Fan uns drei Tage seinen liebevoll selbst ausgebauten Bus zu leihen und bretterten mit 14 Stücken im Gepäck nach Bremen.

Das „Studio“ sah so ähnlich aus, wie unser Proberaum in Bonn. Wir und unsere Instrumente samt Verstärker passten soeben rein, wenn wir flach atmeten. Der Mischer „Kusche“ war so, wie man wahrscheinlich als guter Mischer sein sollte: Ruhig, kompetent wirkend und mäßig freundlich. Bleich wie eine Wasserleiche machte er mit seinem Opagesicht trockene Witze über uns und unsere Musik. Damals fiel uns keine Entgegnung ein; jetzt schon.

Wir spielten recht flott die Musik ein, anschließend sollte der Gesang drauf kommen. Apropos: Uns fiel auf, dass wir bei den Proben der letzten Wochen bis auf einen Song namens „Ich sauf allein“ noch nie ein Stück mit richtigem Text gehört hatten. Sänger Tobias nutzte die Proben eigentlich nur als weiteren Grund innerhalb der Woche Bier zu trinken und über Frisuren und Klamotten seiner Mitmusikanten „Witze“ zu machen. Manchmal sang er zwar dazu, aber immer anders und mit Lyrics in Kinderenglisch, welches man eben anwendet, wenn man sich unbeobachtet fühlt und in eine Haarbürste zu einem Radiolied quäkt, dessen Text man nicht kennt.
Jetzt kam es heraus: Von 14 Songs gab es für 2 Lieder komplette Texte, weiterhin gab es immerhin noch 5 Textfragmente. Von den beiden fertigen Texten bestand der eine fast ausschließlich aus den zwei Worten „immer weiter“, die unentwegt wiederholt werden. Die verkommene Bande der deutschen „Durs Grünbein“- höriger Lyrikkapos verweigert diesem Meisterwerk mit seiner enormen Stringenz und Kraft bis zum heutigen Tage die ihm gebührende Anerkennung!

Immerhin hatte er ja noch eine Nacht, um sich 7 komplette Lyrics aus den Fingern zu saugen. Er schaffte es- wobei man im Nachhinein den Song „Ginti und die Bräute“ nur als Teilerfolg gelten lassen kann. Der Mischer machte keine Sperenzien. Wenn ein Song einmal einigermaßen durchgespielt war ging es zum nächsten. An Stücken feilen geht anders, wenn man aber an einem Wochenende fertig werden muss, geht das nun mal so und nicht anders. Man kann natürlich auch mal wieder das sehr strapazierte Wort „Punk“ für diese Form des Aufnehmens verwenden. Im „Studio“ selber wurde auch gepennt, während Tobias abends manisch an seinen Texten schrieb, verkürzten die Anderen sich die Zeit mit Jugenherbergshumor: Zahnpasta unter die Türklinke schmieren, beim schlafenden Schewerda Finger ins lauwarme Wasser halten, etc. Es gibt nur eine Sache, die ähnlich stumpf ist wie zu touren: Studioaufenthalte. Der Gedanke zu fünft! im Studio! an einem „Album zu arbeiten“ schien uns ähnlich reizvoll, wie ein Praktikum im einem KZ 1943 zu absolvieren. So huschte Kusche über die Regler, der Bass klang verzerrt, auch ansonsten schepperte es gehörig- das konnte allerdings auch an den ollen Studioboxen liegen. Im Tapedeck des geliehenen Busses, das wir noch als Referenz hinzuzogen, war der Sound auch OK, also ab ins Presswerk damit. Fertig war das Werk. Nach Hause gefahren und schlafen gelegt.

Unterm Strich ist uns mit dem „Weißen Album“ neben der „Stay where the Pepper Grows“ die beste und wichtigste LP der 90er Jahre gelungen.

(Source: facebook.com)

likeafieldmouse:

Lucas Samaras - Mirrored Room (1966)

(via spiritofsalem)

euoria:

Boho ⌖ Indie

(Source: 01012012, via spiritofsalem)

swamped:

Ryan McGinley
Yearbook, 2013

(via alien-butts)

hardheaven:

Dennis Duijnhower